Interview Präsidentin — Prof. Dr. med. Viviane Hess
Vernetzung, Innovation und Nachwuchs im Fokus
Seit dem 1. Januar 2026 ist Prof. Dr. med. Viviane Hess Präsidentin des Swiss Cancer Institute.
Zur Person
Sie ist Titularprofessorin für Medizinische Onkologie an der Universität Basel sowie Leitende Ärztin der Onkologie und Mitglied des Leitungsgremiums des Bauchtumorzentrums am Universitätsspital Basel. Mit ihrer langjährigen klinischen und akademischen Erfahrung verbindet sie wissenschaftliche Exzellenz und klinischer Tätigkeit.
Prof. Hess engagiert sich zudem im Vorstand von Swiss Cancer Screening. Ihre Funktion als Leiterin Vorsorge und Früherkennung der Krebsliga beider Basel hat sie Ende 2025 abgegeben und ist seit 2026 noch in beratender Rolle für die Krebsliga beider Basel tätig. Mit ihrer ausgewiesenen Expertise in klinischer Onkologie, Früherkennung und Versorgungsstrukturen stärkt sie die strategische Weiterentwicklung.
Zunächst herzliche Gratulation zu Ihrer Wahl zur Präsidentin des Swiss Cancer Institute. Wie erleben Sie dieses Amt in den ersten Wochen?
Intensiv und inspirierend: In den ersten Wochen habe ich mich aufs Zuhören konzentriert. Im Vorstand, im Kompetenzzentrum (CC) und im Netzwerk treffe ich auf zahlreiche intrinsisch motivierte Menschen, die sich nachhaltig für die klinische Krebsforschung einsetzen. Dies ist das grösste Kapital für unsere Organisation.
Was hat Sie motiviert, für das Präsidium zu kandidieren?
Seit ich als Ärztin arbeite, sehe ich täglich, dass es trotz grosser Fortschritte in der Krebsbehandlung, Diagnostik und Vorsorge noch viele ungelöste Probleme gibt, die grosses Leid bei Krebsbetroffenen und Angehörigen verursachen. Um dies zu bekämpfen war es für mich immer selbstverständlich klinische Arbeit mit klinischer Forschung zu verbinden. Entsprechend habe ich auch über Jahrzehnte als Studienteamleiterin und Prüfärztin am Unispital Basel, als Studienleiterin in der gastrointestinalen Projektgruppe und im Vorstand mit der SAKK/SCI gearbeitet. Wir haben mit dem SCI ein einmaliges Netzwerk in der Schweiz, für das wir aus anderen Disziplinen durchaus beneidet werden und dem wir Sorge tragen wollen. Der Erfolg des SCI und seiner Ziele war und ist mir ein grosses Anliegen, für das ich mich gerne einsetze.
Welches Ziel verfolgen Sie dabei für das Swiss Cancer Institute?
Als Präsidentin habe ich gewissen Gestaltungsspielraum, den ich schätze. Primär sehe ich meine Aufgabe jedoch als Teamarbeit, wobei ich auf hervorragender Vorarbeit aufbauen kann: in den letzten Jahren wurden viele wichtige Weichen gestellt. Es besteht ein grosses Momentum und eine neue Dynamik, für die der Namenswechsel auch äusserlich steht: Das SCI ist moderner, flexibler und agiler. Auf diesem Weg möchte ich weiter gehen. Unser Ziel ist es, für alle exzellenten Krebsforschenden mit patientenrelevanten Forschungsfragen der bevorzugte Partner zu sein – dies immer mit dem übergeordneten Ziel, die Lebensqualität sowie das Wohl von Patientinnen und Patienten zu verbessern.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte möchten Sie in den kommenden Jahren setzen?
Wir wollen uns auf Forschungsprojekte fokussieren, die zu spürbaren Verbesserungen für Krebsbetroffene und für unser Gesundheitssystem führen.
Ein Schwerpunkt liegt dabei in Therapieoptimierungsstudien. Wir fragen uns zum Beispiel, ob ein bestimmtes Medikament genauso wirksam ist, wenn es weniger oft oder weniger lange verabreicht wird, und dadurch weniger Nebenwirkungen hat und günstiger ist.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt im gezielten Ausbau der Vernetzung, um die Expertise weiterer Disziplinen zu integrieren. Beispielsweise spielen in der personalisierten Krebsmedizin Fachkräfte für Molekulargenetik und Datenanalyse eine zunehmend zentrale Rolle. Die Fortschritte der personalisierten Medizin sollen über die Universitäten hinaus im gesamten Netzwerk genutzt und weiter erforscht werden.
Und – last but not least – konzentrieren wir uns auf die Förderung von jungen Talenten in klinischer Forschung, um sicherzustellen, dass auch die nächste Generation von Forschenden ihre Energie und Ideen zugunsten der Krebsbetroffenen einbringt.
Welchen Stellenwert hat die klinische Krebsforschung heute in der Schweiz?
In den letzten Jahrzehnten hat es die klinische Krebsforschung, auch durch die zunehmend koordinierte Stimme von Betroffenenorganisationen, endlich ins Bewusstsein vieler Akteure im Gesundheitswesen geschafft. Vielen wurde bewusst, wie wichtig die klinische Forschung auch für die Qualität und für die Versorgung in unseren Kliniken ist.
Nachdem diese Erkenntnis gerade erst breit akzeptiert wurde und global zu einer Zunahme von klinischen Studien führte, ist es leider in der Schweiz wieder zu einer Abnahme der Anzahl klinischer Studien, insbesondere von akademischen Studien, gekommen. Dies ist eine besorgniserregende Entwicklung, da u. a. auch klinische Studien, welche zu grossen Kosteneinsparungen führen könnten, nicht mehr durchgeführt werden und letztlich die Versorgungsqualität nachhaltig darunter leidet.
Krebserkrankungen nehmen zu, gleichzeitig sinkt die Mortalität. Was bedeutet diese Entwicklung für die klinische Krebsforschung?
Es gibt immer mehr Menschen, die mit oder nach Krebs leben und auch Teil der grossen Bevölkerungsgruppe der älteren Menschen werden. Vorsorge und Früherkennung, Langzeitnebenwirkungen und Therapien spezifisch für ältere Menschen oder Menschen mit mehr als einer Erkrankung rücken dadurch in den Vordergrund. Mehrheitlich sind dies Themen, die weniger im Fokus der Pharmaforschung liegen; entsprechend sehen wir es als unseren Auftrag, diese Forschungsfragen anzugehen.
«Dem Klinikmanagement sollte bewusst werden, dass klinische Forschung kein Luxus ist – es ist eine Notwendigkeit, um die Versorgungsqualität und den Zugang zur Innovation zu erhalten.»
Klinische Krebsforschung wird von Onkologinnen und Onkologen zusätzlich zum anspruchsvollen Klinikalltag betrieben. Welche Herausforderungen bringt das mit sich – und was braucht es, um diese Forschung langfristig zu sichern?
Zeit und Geld. Dem Klinikmanagement sollte bewusst werden, dass klinische Forschung kein Luxus ist – es ist eine Notwendigkeit, um die Versorgungsqualität und den Zugang zur Innovation zu erhalten. Entsprechend muss auch darin investiert werden. Auch haben wir heute durch Digitalisierung viel mehr Möglichkeiten, mit Erkenntnissen aus dem Klinikalltag wichtige Forschungsfragen zu beantworten mit sogenannten „Real World Evidence“-Studien (Erkenntnisse aus dem Versorgungsalltag). Dies könnte auch mit relativ wenig Aufwand mehr genutzt werden.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen SCI und der Pharmaindustrie?
Da die Mehrheit unserer Mitglieder als Onkologie- und Hämatologiefachkräfte primär mit medikamentösen Therapien arbeitet, ist die Pharmaindustrie sowohl im Klinikalltag wie auch in der Forschung ein unverzichtbarer Partner. Die Innovationskraft, die von Start-ups bis hin zu den grossen Pharmafirmen in der Schweiz vorhanden ist, ist enorm. Wir sind in engem Austausch, um unsere gegenseitigen Stärken zum Nutzen der Krebsbetroffenen zu bündeln.
Welche Rolle spielen direkt Betroffene bei der klinischen Krebsforschung am SCI?
Der Patientenrat des SCI steht den Forschenden seit vielen Jahren zur Seite – die Stimme der Betroffenen soll und muss in Zukunft noch besser gehört werden. Bei den Workshops mit Betroffenen im Rahmen der Vorbereitung des nationalen Krebsplan wurde erneut deutlich, dass ihr Input nicht nur bei der Priorisierung und Formulierung der Forschungsfragen und -methodik unverzichtbar ist, sondern auch bei der Verankerung der Relevanz der klinischen Krebsforschung in der Bevölkerung und der Politik.